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Ärger? Kann uns guttun

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Warum ärgern wir uns – und ist Ärger wirklich immer schlecht? Expertin Barbara Gerhards erklärt, was hinter der Emotion steckt und wie Du gelassener mit ihr umgehen kannst.

10.09.2026

Text: Corina Wießler

Buchautorin und Gründerin der „Anti Ärger Akademie“ Barbara Gerhards ist eine bekannte Expertin für den professionellen Umgang mit Ärger. Als Coachin hilft sie anderen dabei, ein zielorientiertes, gesundes und ausgeglichenes Leben zu führen.

Frau Gerhards, was bringt Sie auf 180 und was wieder runter?
Meine beiden Söhne. Sie sind zwar erwachsen und selbstständig, aber schaffen es immer wieder, mich zu überraschen. Der von mir entwickelte Anti-Ärger-Prozess hilft mir aber, schnell und wirksam aus der Emotion auszusteigen und das Thema, das die Emotion auslöst, gelassen und sachlich zu klären.

Hat die Tendenz zum Ärgern in jüngster Zeit zugenommen, und haben sich die Gründe zum Ärgern verändert?
Die Tendenz hatte zuerst abgenommen, als zu Beginn der Corona-Phase der Fokus verstärkt auf dem Wohlergehen der Gemeinschaft und der gegenseitigen Hilfe lag. Das hat sich mit der kontroversen Auseinandersetzung zum Thema Impfen ins Gegenteil verkehrt. Der Riss ging durch Unternehmen und Familien.

Der Grund zum Ärgern ist immer der gleiche: Ein Herzenswunsch von mir wird nicht erfüllt. Ich fühle mich machtlos angesichts der eigenen Hilflosigkeit und dem Verweigerer ausgeliefert. Das mögen wir Menschen nicht. Wir würden uns gerne die Welt selbstbestimmt so schaffen, wie sie uns gefällt. Das schließt das Leben und Wirken anderer Menschen mit ein. Um die Frage in einem Satz zu beantworten: Der Grund ist immer der gleiche. Auslöser dagegen gibt es unzählige und auch immer wieder neue.

Portrait der Expertin Barbara Gerhards
Barbara Gerhards ist Gründerin der „Anti Ärger Akademie“. © privat

Warum fällt es uns so leicht, uns zu ärgern, statt die Dinge gelassen zu nehmen?
Da müssen wir unterscheiden zwischen dem Ärger-Signal, das wir empfangen und das uns auf einen unerfüllten Wunsch hinweist, und dem hausgemachten „Kopf“-Ärger. Es ist elementar, dass wir den ersten Ärger-Impuls wahrnehmen, um Veränderungen einleiten zu können. Nicht hilfreich ist es dagegen, wenn wir den hausgemachten Ärger, der den eigenen Gedanken folgt, pflegen und weiter nähren, statt ihn zu klären. Erst durch die Klärung gelangen wir zur Gelassenheit. Das fällt so schwer, weil wir es in der Regel erst beigebracht bekommen müssen und es Reflexion beinhaltet.

Ist Ärger grundsätzlich etwas Schlechtes?
Der erste Ärger-Impuls ist superwichtig, denn er macht uns auf empfundene Missstände aufmerksam und gibt uns gleichzeitig die notwendige Energie, Veränderungen anzustoßen. Er ist wie ein mentaler Arzt. Wenn wir physische Schmerzen haben, gehen wir zum Doktor. Wenn wir uns ärgern, müssen wir uns um die eigenen unerfüllten Wünsche und Ziele kümmern. Nur, dass wir selbst für die Heilung verantwortlich sind und keine externe Instanz. Das wiederum ist die gute Nachricht.

Was macht Ärger langfristig mit dem Körper und der mentalen Gesundheit?
Ungeklärter Ärger macht tatsächlich auf Dauer krank. Wir können diese Ärger-Anlässe nicht loslassen und halten sie somit nicht nur mental, sondern auch physisch fest. Unsere Muskulatur spannt sich an – vom Nacken angefangen über Schulter, Rücken, Fäuste bis hin zu den Zehen. Wir pressen den Kiefer zusammen und knirschen mit den Zähnen. Die Gedanken, die um das Ärgernis kreisen, erhöhen Puls und Blutdruck und lassen uns nachts nicht schlafen. Ärger ist ein Zustand permanenter Anspannung und dadurch unglaublich anstrengend. Hinzu kommt die mentale Belastung, wenn wir mit den unerfüllten Wünschen nicht zurechtkommen.

Wenn die Wut hochkocht, was ist Ihre „Erste-Hilfe-Maßnahme“ für den Akutfall?
Ich würde tiefergehen und nicht auf der Oberfläche der Emotionsregulation bleiben. Ich würde den eigenen Fokus umlenken von der Person oder dem Ereignis hin zu mir selbst. Ärger hat immer mit mir zu tun. Wir können uns fragen: Welche Tatsache oder Verhaltensweise löst den Ärger gerade bei mir aus? Was hat das Ärgernis mit mir zu tun? Welcher Wunsch von mir ist gerade nicht erfüllt? Gibt es Möglichkeiten, aus der eigenen Ohnmacht auszusteigen?

Können Sie uns eine Strategie für etwas mehr Leichtigkeit mitgeben?
Ist das, was mich ärgert, eine Tatsache oder eine Vermutung: Der andere mag mich nicht, zweifelt an meiner Leistung etc.? Wir können alles sofort loslassen, was nicht real ist, sondern nur ein Hirngespinst in unserem Kopf. Sich darüber zu ärgern, ist sinnbefreit.