„Wir können auch schwierige Zeiten wie diese meistern“ – Bosch BKK-Vorstand Frieder Spieth über die Finanzlage der GKV
Warum dieser Artikel interessant für Dich sein könnte
Warum steigen die Kosten im Gesundheitssystem – und was bedeutet das für Deinen Krankenkassen-Beitrag? Bosch BKK-Vorstand Frieder Spieth erklärt, wo die Probleme liegen, welche Reformen helfen könnten und wie wir Dich unterstützen.
18.12.2025
Foto: Bosch BKK
Steigen die Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung oder steigen sie nicht? Dazu gab es zuletzt unterschiedliche Signale: Die neue Gesundheitsministerin Nina Warken gibt sich zuversichtlich, dass die Zusatzbeiträge zum Jahreswechsel nicht steigen müssen. Aus der Kassenwelt ist dagegen zu hören, dass wohl kaum eine Kasse ohne eine Erhöhung ihres Zusatzbeitrags auskommen wird. Wir sprachen dazu mit Bosch BKK-Vorstand Frieder Spieth.
Herr Spieth, woher kommt die unterschiedliche Einschätzung der Kassenfinanzen?
Die Gesundheitsministerin beruft sich mit ihrer Einschätzung auf die Festlegung des durchschnittlichen Zusatzbeitrags für 2026 auf 2,9 Prozent. Dazu muss man wissen, dass der offizielle durchschnittliche Zusatzbeitrag jeweils im Oktober für das Folgejahr von einem Expertengremium geschätzt wird. Die meisten Kassen ändern ihre Zusatzbeiträge aber erst zum Jahreswechsel. Der tatsächliche Durchschnitt der Zusatzbeiträge steht daher erst ab Januar fest und kann vom geschätzten durchschnittlichen Zusatzbeitrag abweichen. Erhöhen Kassen unterjährig ihren Beitrag, steigt er noch weiter. Genauso ist es dieses Jahr passiert: Der durchschnittliche Zusatzbeitrag wurde im Oktober 2024 auf 2,5 Prozent geschätzt. Der tatsächliche Durchschnitt aller Zusatzbeiträge stieg im Jahresverlauf 2025 jedoch auf 2,9 Prozent, also deutlich darüber. Wir gehen davon aus, dass auch 2026 der tatsächliche Beitragsdurchschnitt höher sein wird als der im Oktober geschätzte.
Werden denn nicht alle relevanten Daten bei der Berechnung berücksichtigt?
Ein Aspekt blieb außen vor: Unter den Gesundheitsministern Spahn und Lauterbach wurden die Kassen gezwungen, ihre Rücklagen drastisch zu reduzieren. Gestiegene Kosten haben dazu geführt, dass viele Kassen jetzt weniger Rücklagen haben als die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve. Diese müssen die Kassen einhalten und dazu ihre Rücklagen wieder auffüllen. Unter anderem dieser zusätzliche Finanzierungsbedarf wurde bei der Berechnung eines kostendeckenden Zusatzbeitrags nicht berücksichtigt. Deshalb fällt es uns schwer nachzuvollziehen, wie die tatsächlichen Beiträge stabil bleiben sollen. Außer vielleicht bei den Kassen, die ihren Beitrag bereits in den letzten sechs Monaten deutlich erhöht haben. Wir konnten unseren Beitrag unterjährig stabil halten, können uns jedoch leider den finanziellen Zwängen nicht länger entziehen.
Die Bundesregierung hat bis kurz vor Weihnachten mit den Bundesländern darum gerungen, wenigstens ein Sparpaket von 2 Milliarden Euro zu verabschieden. Bringt das nichts?
Selbstverständlich bringt das etwas, es ist ein erster Schritt. Die Krankenkassen leisten auch ihren Beitrag dazu, denn ihre Verwaltungskosten werden 2026 bei den Sachkosten gedeckelt. Die geplanten Einsparungen bei den Kliniken, die den Großteil des Sparpakets ausmachen, sollen allerdings auf 2026 beschränkt bleiben. Das bringt also nur einen Einmaleffekt. Und die Einschätzung, dass mit diesem kleinen Sparpaket die aktuellen Finanzierungslücken geschlossen werden, teilen wir ohnehin nicht.
Warum nicht?
Wir erleben eine sich immer schneller drehende Kostenspirale. Der Kostenanstieg lag in den Jahren 2000 bis 2016 bei 100 Mrd. Euro. 2016 bis 2024 – also in der Hälfte der Zeit – betrug der Kostenanstieg ebenfalls 100 Mrd. Euro. Die Kosten steigen also immer schneller, ohne dass die Einnahmen Schritt halten. Gesetze und Reformen der letzten Jahre, die zu zusätzlichen Ausgaben führten, haben diesen Trend weiter verschärft.
Wo liegen die größten Kostentreiber?
Den größten Anstieg gibt es im Krankenhaus – allein im vergangenen Jahr mit 10 Prozent Steigerung – und bei den Arzneimitteln. Die Kosten steigen allerdings in so gut wie allen Bereichen, ob das Hilfsmittel sind, Fahrkosten oder häusliche Krankenpflege. Der medizinische Fortschritt und die demographische Entwicklung sind hier zusätzliche Beschleuniger: Sie sorgen dafür, dass mehr Patienten Behandlungen in Anspruch nehmen, die mehr kosten als in der Vergangenheit. Das ist grundsätzlich eine wünschenswerte Entwicklung. Denn sie zeigt, wie extrem leistungsstark unser Gesundheitssystem ist – auch im Vergleich zu anderen Ländern. Es bedeutet aber auch: Wir müssen schauen, dass die Einnahmen und die Ausgaben nicht immer weiter auseinanderdriften. Wir sollten außerdem im Blick haben, dass steigende Beiträge Arbeitsplätze verteuern, weil die Beiträge zur Hälfte vom Arbeitgeber getragen werden. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist das Gift für den Aufschwung und genau das, was wir nicht brauchen. Der Standort Deutschland wird hier weiter gefährdet.
Die Rahmenbedingungen sind also schwierig. Ein Grund zu verzagen?
Absolut nicht! Wir haben ein starkes System, und es liegen schon viele gute Reformvorschläge auf dem Tisch. Zum Beispiel wird über eine Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Medikamente nachgedacht. Zudem übernehmen die Kassen Aufgaben, die eigentlich Sache des Staates sind, zum Beispiel die Gesundheitsversorgung von Bürgergeldempfängern. Als staatliche Sozialleistung muss der Staat die Kosten dafür tragen, stellt den Kassen aber 10 Milliarden Euro weniger zur Verfügung als nötig. Würde diese Lücke geschlossen, wäre schon viel erreicht.
Welche Reformen könnten noch helfen?
Im Gesundheitssystem sind leider viele Anreize falsch gesetzt. Für Kliniken lohnt es sich, bestimmte Operationen häufig durchzuführen, Ärzte verdienen besser, wenn sie mehr Leistungen erbringen. Die Schnittstellen zwischen Krankenhaus und ambulanter ärztlicher Versorgung sind echte Grenzen, ineffizient und komplex. Ich sehe großes Potenzial, wenn die Behandlungssektoren bessert verzahnt werden und Ärzte Behandlungen machen können, die nicht unbedingt stationär erfolgen müssen.
Was kann die Bosch BKK selbst tun?
„Eigenverantwortung stärken“ ist ein häufig benutztes Schlagwort. Was bedeutet das? Leistungskürzungen? Das halten wir für den falschen Weg. Vielmehr möchten wir unseren Versicherten ein Partner auf Augenhöhe sein. Der ihnen hilft, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen: eigenverantwortlich, aber mit uns als Berater und Begleiter. Wir helfen mit Vorsorgeangeboten, Gesundheitskursen und Kampagnen zu Resilienz oder gesunder Ernährung. Mit unseren Patientenbegleiterinnen und Patientenbegleitern unterstützen wir, wenn jemand von einer schweren Krankheit betroffen ist oder Pflege benötigt. Unser Online-Arzt ist für all jene da, die sich gerne online Rat holen. Nicht zuletzt helfen wir auch dabei, die persönlichen Kosten zu reduzieren – mit unseren Bonusprogrammen oder unserem Selbstbehalt-Tarif. All das steckt in unserem Anspruch „Gemeinsam gesund“. Und da derzeit ein Primärarzt-Modell diskutiert wird, bei dem Patienten zuerst ihren Hausarzt aufsuchen, möchte ich anmerken: Hier sind wir mit unseren Haus- und Facharztprogrammen schon seit vielen Jahren Vorreiter.
In den Medien taucht immer wieder die Frage auf, ob eine Reduzierung der Krankenkassen Geld sparen könnte. Was ist dran an dem Argument?
Hier hilft der Blick nach Österreich, wo alle Krankenkassen 2020 zu einer Einheitskasse fusioniert wurden. Die Verwaltungskosten kennen seither nur eine Richtung: nach oben. Die Anzahl der zu betreuenden Versicherten und die dafür notwendigen Strukturen bleiben ja gleich. Außerdem sehen wir, dass meist die kleineren Betriebskrankenkassen niedrigere Verwaltungskosten haben als die Großen, die Vorstandsgehälter mit eingerechnet. Im Übrigen arbeiten die Krankenkassen im Hintergrund eng und effizient zusammen, so nutzen zum Beispiel über 60 Kassen die gleiche Software und bündeln den Betrieb ihrer IT in einem sogenannten Eigenbetrieb. Das ist ein gutes Stichwort, hier steigen unsere Ausgaben und das ist richtig.
Inwiefern?
Ich bin davon überzeugt, dass wir durch Digitalisierung vieles effizienter machen können. Digitalisierung passiert aber nicht von alleine. Zunächst muss ich in Technik und in Knowhow investieren. Die Deckelung der Verwaltungskosten im nächsten Jahr gerade in diesem Bereich ist daher keine einfache Aufgabe für uns. Zum Stichwort Digitalisierung noch ein Wort zur elektronischen Patientenakte: Hier müssen alle Beteiligten selbstkritisch sagen, dass es noch nicht rund läuft. Ich hoffe, dass wir 2026 deutliche Verbesserungen sehen. Grundsätzlich entstehen hier jedoch viele Vorteile für die Versicherten. Herausgreifen möchte ich nur das E-Rezept, die Nutzung unserer Bosch BKK App oder den Zugang zu unserem Online-Kundenportal.
Bleiben wir bei den Verwaltungskosten: Wie liegt die Bosch BKK hier im Vergleich?
Mit 4 Prozent Verwaltungskosten sind wir schlank unterwegs, auch was das Verhältnis unserer Mitarbeiterzahl zur Anzahl unserer Versicherten angeht. Wir betreuen rund 230.000 Versicherte mit 400 Mitarbeitern, davon der größte Teil in der direkten Kundenbetreuung in unseren BKK-Geschäftsstellen. Dahinter stecken allein 35.000 persönliche Kundenbesuche und 290.000 Telefonate im Jahr. Auch wenn die Mehrzahl unserer Mitglieder Bosch-Mitarbeitende sind, gibt es 35.000 weitere Arbeitgeber, bei denen unsere Versicherten arbeiten und die von uns betreut werden. Auch den Vergleich mit der privaten Krankenversicherung brauchen wir nicht zu scheuen: Während die Verwaltungskosten in der gesetzlichen Krankenversicherung bei rund 4 Prozent liegen, sind es in der privaten Krankenversicherung um die 9 Prozent, also deutlich mehr.
Sie sehen die Bosch BKK also gut aufgestellt?
Ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Leistungen, unserer Organisation und unserer Finanzsituation auch schwierige Zeiten wie diese meistern können. Und wir sind bereit, zusammen mit der Politik und unseren Partnern nach Lösungen zu suchen, wie wir das Gesundheitssystem noch effizienter und besser machen können.
Herr Spieth, vielen Dank für die Einblicke.


